"Mein Weg aus der DDR nach Steinatal"

Ja, eigentlich war es ein bisschen Zufall, dass ich dort gelandet bin!

Im Sommer 1956 war ich voller Zuversicht, dass ich trotz fehlender Jugendweihe und SED- bzw. Parteizugehörigkeit meiner Eltern in der
nächstgelegenen Oberschule (Gymnasium) in Elsterwerda einen Platz bekommen würde. In meiner Heimatstadt Mühlberg/Elbe gab es nur eine Acht-Klassen-Schule und der damalige Direktor dort machte mir große Hoffnungen, in eine weiterführende Schule aufgenommen zu werden. Tatsächlich erhielten meine Eltern und ich eine Zusage aus Elsterwerda und die Freude war groß!

Ganz kurz vor Beginn des neuen Schuljahres bekamen meine Eltern dann eine Absage für mich, eine höhere Schule besuchen zu dürfen.

Begründung:  Unsere Familie wäre als Besitzer eines Hotels und fehlender Parteizugehörigkeit nicht als arbeiter- und bauernfreundlich
anzusehen. Außerdem war mein Vater als freischaffender, kunstgewerblicher Zeichner (heute würde man Designer dazu sagen) und als
einer, der kein Blatt vor den Mund nahm und mit Kritik nicht sparte, im damaligen Regime unbeliebt. Meine Eltern wurden übrigens knapp zwei Jahre später enteignet.

Nach der Absage aus Elsterwerda erzählte uns unser damaliger Pfarrer  von der Melanchthon-Schule im Steinatal, und dass seine Tochter dort in der Schule und im angegliederten Internat  aufgenommen worden sei. Er bot an, sich bei der Kirche von Kur-
hessen-Waldeck für uns bzw. mich zu verwenden. Seine Tochter  und ich waren Klassenkameradinnen in Mühlberg/E. und wurden vom ihm zusammen konfirmiert. Gleichzeitig setzte er sich auch mit Direktor Dr. Dalhoff in Verbindung. Nach vielem Hin und Her bekamen wir im September 1956 eine positive Zusage, und Mitte Oktober wurde ich in Schule und Internat Steinatal  aufgenommen.

Ich war zu diesem Zeitpunkt noch 14 Jahre alt,  mußte mutterseelenallein meinen Eltern und Geschwistern Lebewohl sagen und durfte keinem (auch meiner besten Freundin nicht) davon erzählen. Offiziell fuhr ich zu Verwandten nach Frankfurt/Main - ganz legal mit einer
Besuchserlaubnis für die BRD. Da ich quasi noch ein Kind war und meine Familie in Mühlberg blieb, schöpfte keiner Verdacht.

Mitte Oktober kam ich also im Steinatal an. Zuerst habe ich mich dort überhaupt nicht wohl gefühlt! Vor allem mit dem Leben im Internat kam ich anfangs nicht zurecht. Einige meiner Mitbewohnerinnen mochten mich wohl nicht besonders, andere dagegen sehr! Unsere Heimleiterin, Benedikte v. D., hat mir in dieser ersten Zeit viel Mut gemacht. Bald hatte ich mich auch mit einer Zimmergenossin besonders
angefreundet,  und mit ihr verbindet mich auch heute nach über 50 Jahren noch eine herzliche Freundschaft.

Die erste Zeit in der Schule war auch nicht einfach! Ich hatte schließlich in der DDR kein Englisch und mußte neben dem normalen Unterricht drei Jahre Englisch nachlernen. Beim "Direx"  höchstpersönlich erhielt ich nachmittags Nachhilfeunterricht.

Meine Eltern und meine beiden jüngeren Schwestern waren zwischenzeitlich heimlich über Berlin und das Notaufnahmelager Gießen ebenfalls in die BRD gekommen - ohne Geld und Gut. Sie konnten mich nicht mehr mit Kleidung und allem  Nötigen so wie bisher versorgen und unterstützen. Schweren Herzens legten Sie mir nahe, die Schule zu verlassen, um einen Beruf zu erlernen.

1959 verließ ich die Schule mit mittlerem Bildungsabschluss und ging zunächst für 1 Jahr nach England.